Schreckgespenst Insolvenz?

08_22

Gerade Selbständige und Unternehmer nehmen die eigene Vorsorge und ausreichend Liquidität oft auf die leichte Schulter. Was ist Ihre Erfahrung?

Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, dass die regelmäßige Planung und Überprüfung der betrieblichen Liquidität häufig hinten an gestellt wird. Das Thema sollte aber für jeden Selbstständigen und Unternehmer das Non-plus-Ultra sein. Auch die Vorsorgeplanung sollte spätestens nach einer gewissen Anlaufphase des Betriebes oberste Priorität haben. Stattdessen leben viele im ‚hier und jetzt‘ und vernachlässigen den Blick in die Zukunft. Schnell vergeht die Zeit und das Alter kommt. Beim Blick auf den Rentenbescheid wird die abstrakte Gefahr der Altersarmut dann plötzlich sehr real.

Sie haben sich als Fachanwältin für Insolvenz- und Sanierungsrecht, Insolvenzverwalterin und Beraterin vor drei Jahren selbständig gemacht und befinden sich damit in einer Männerdomäne. Gleichzeitig richten Sie Ihren Fokus stark auf die Netzwerkarbeit von Frauen?

Was die ‚Männerdomäne‘ angeht, bin ich gern etwas zurückhaltender. Ich freue mich tatsächlich über immer mehr Frauen in unserem Metier. Im Vergleich zu meinen Anfangsjahren gibt es zwischenzeitlich sehr erfolgreiche Kolleginnen und es werden immer mehr. Gerade im Bereich der Restrukturierung bzw. des Insolvenzrechts. Ich selbst war in den letzten Jahren sehr mit dem Aufbau meiner Kanzlei beschäftigt. Für die Zukunft würde ich daher im Bereich der Netzwerkarbeit gern wieder mehr anstoßen. Das ist für mich ein großes Herzensprojekt, das ich für sehr wichtig halte. Die Männer haben sich mit ‚Stammtisch-Arbeit‘ historisch betrachtet etwas leichter getan. Sich untereinander branchenintern wie auch branchenübergreifend immer wieder auszutauschen, ist für Männer wie für Frauen ein großer Gewinn und zudem ein wichtiger Vertrauensaspekt.

Was motiviert Sie?

Neben meiner Familie ist es tatsächlich meine Arbeit, dir mir sehr viel Freude macht und die mich anspornt. Es sind nicht nur die juristischen Aspekte, sondern das gesamte organisatorische Drumherum der Prozesse und vor allem die konstruktive, enge Zusammenarbeit mit den Menschen. Das ist es, was mich immer wieder motiviert. Gerade bei Verbraucherinsolvenzen, die sich über viele Jahre erstrecken, ist die Hilfe zur Selbsthilfe ein für mich sehr wichtiger und schöner Bereich meiner Arbeit. Den Menschen über diesen Zeitraum obendrein wieder Zuversicht und Selbstbewusstsein zu ermöglichen, das ist ebenfalls eine sehr zufriedenstellende Aufgabe für mich.

Warum ist eine Insolvenz für die meisten Menschen nach wie vor ein persönlicher Makel?

Das hat sicherlich vor allem gesellschaftlich Gründe. Die Menschen verbinden mit dem Insolvenzantrag immer noch primär das persönliche Scheitern. Dieses ‚Scheitern‘ ist daher bis heute mit viel Schamgefühl verbunden. Das ist in den angelsächsischen Ländern wie Großbritannien, Nordamerika und Australien bei weitem nicht so stark verbreitet, wie bei uns in Deutschland. In anderen Ländern ist es für einen Unternehmer ganz normal, auch einmal zu scheitern.

Die Corona Pandemie hat unzählige Branchen und Unternehmen schwer belastet. Für viele war die Insolvenz der letzte Ausweg. Wie nah befinden sich auch Privatpersonen an einer wirtschaftlichen Pleite?

Die Krise hat es uns allen gezeigt, Privatpersonen wie Unternehmern, wie schnell höchst unterschiedliche, und selbst gesunde und bodenständige, Branchen zahlungsunfähig werden und in die Insolvenz rutschen können. Auch Privatpersonen und Freiberufler kann es treffen, wenn die Einnahmen plötzlich ausbleiben und nicht genügend Mittel für laufende Ausgaben und Kosten zur Verfügung stehen.

Wie fühlt sich ein Komplett-Update an? Wie geht ‚Mann‘ bzw. ‚Frau‘ damit um?

Viele überspielen die Scham, andere produzieren eine Show. Wirklich gleichgültig ist es natürlich niemandem. Eine Insolvenz ist – wie gesagt – für die meisten Menschen mit persönlichem Scheitern bzw. einer Niederlage verbunden. Viele haben bis zum finalen ‚Schiffbruch‘ lange versucht, eine Insolvenz abzuwenden. Oftmals wurde es dann aber noch schlimmer. Der frühzeitige Gang zum Anwalt bzw. Berater ist unbedingt empfehlenswert.

Seit dem vergangenen Jahr wurde die Frist der Restschuldbefreiung für Privatinsolvenzen von bisher sieben auf drei Jahre verkürzt. Wie sehen Sie die Chancen für die Betroffenen nach einer Insolvenz mit Blick auf die eigene Zukunft?

Die eigenen Perspektiven beurteilt jeder Mensch unterschiedlich, das ist natürlich auch eine Typfrage. Tatsächlich sind die Chancen groß, nach Abschluss der Wohlverhaltensphase ein ganz neues Leben zu beginnen und noch mal ganz von vorn durchzustarten. Genau das ist ja auch Sinn der Sache. Die Lerneffekte sind sehr unterschiedlich: Manche lernen viel aus diesen Erfahrungen, andere weniger. Das ist sicherlich auch eine Frage der eigenen Persönlichkeit. Außerdem hängt nach meinen Erfahrungen viel daran, ob die Krise ‚hausgemacht‘ ist – oder durch äußere Umstände oder einen Schicksalsschlag verschuldet wurde. Ein gewisser Lerneffekt ist sicherlich immer da, das ist wertvoll und wichtig für das berufliche und private Leben wie auch für die eigene Persönlichkeit.

Wie lässt es sich etwa als Geschäftspartner oder Begünstigter einer insolventen Person oder eines Betriebes vor Verlusten durch mögliche Rückforderungsansprüche schützen?

Da lassen sich für Unternehmen und Selbständige unterschiedlichste Vorkehrungen treffen, beispielsweise über ausgewählte Klauseln in den Geschäftsbedingungen oder die Anpassung der Strukturen im Umgang mit notleidenden Kunden. Auch Privatpersonen können vorsorgen. Bei jeglichen Unsicherheiten und Fragen bezüglich der wirtschaftlichen Situation kann eine frühzeitige anwaltliche Beratung absolut sinnvoll sein.

***FRAGEN? WÜNSCHE? IDEEN? ANREGUNGEN? KRITIK? Zu Vorsorge- oder Finanzthemen? Auf geht’s! Die Redaktion und die Experten freuen sich über Feedback und stehen darüber hinaus ganz unverbindlich mit Rat & Tat zur Seite!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top