Kein Hexenwerk

Krisen sind nützlich, das persönliche Geldmanagement mal gründlich zu überprüfen. Doch auch die finanzielle Vorsorge sollte nicht in Vergessenheit geraten. Professionelle Finanzplanung hilft. Ein Gespräch mit Helge Kühl, Finanz- und Versicherungsmakler sowie Altersvorsorge- Experte aus Neudorf in Schleswig-Holstein.


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In schwierigen Zeiten zahlungsfähig zu bleiben, ist vielen Unternehmern und Selbständigen während der Corona-Pandemie bewusst geworden. Krisen sind aber auch für Privatpersonen ein wichtiger Anlass geworden, das persönliche Finanz- und Vorsorgesystem einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen. Warum ist das Thema ‚Vorsorge‘ für viele Menschen so un-sexy geworden?

Das Thema Alter ist in weiter Ferne und daher unkonkret. Brisanter sind da aktuelle Probleme, wie Auto, Miete, Kinder, Schule, Job. Das Problem in der Zukunft wird daher gern auf ‚später‘ verschoben, was schließlich die eigentliche Dramatik ist. Das geht aber sicher nicht nur jungen Menschen so. Zudem gibt es eine unglaublich viele Produkte und Anbieter, die es zu verstehen und einzuschätzen gilt. Jeder Anbieter ist aber natürlich eher ein Fan der Produkte seines Hauses und somit nicht immer objektiv.

Warum kümmern sich junge Menschen eher zögerlich, was sind Ihre Erfahrungen?

Also die Jüngeren machen sich schon so ihre Gedanken, das sehe ich auch bei meinen Kindern und deren Freunden. Ihnen ist durchaus bewusst, dass ihnen möglicherweise Unheil droht. Ich versuche daher immer wieder zu vermitteln, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und sich wenigstens hin und wieder über Geldanlage-Themen zu informieren. Das kostet am Anfang ein wenig Zeit und auch Überwindung, macht aber über kurz oder lang viel Spaß. Geldanlage ist kein Hexenwerk. Das Wichtigste ist, überhaupt zu starten.

Wie fange ich an?

Zunächst einmal gilt es, die richtige Strategie zu finden. Was brauche ich im ersten Schritt, bevor ich mir Gedanken über die Altersvorsorge mache? Habe ich alle wichtigen Versicherungen an Bord? Wo bin ich eventuell noch bei anderen Personen mitversichert? Der Begriff ‚Vorsorge‘ umfasst daher nicht nur die finanzielle Altersvorsorge, sondern auch die aktuell notwendige Ausstattung an Sicherheit für alle Lebensbereiche.

Wie wichtig ist Liquidität?

Ein ebenfalls zentraler Punkt ist die Frage: Habe ich ein kleines Polster an Rücklagen, aus dem ich ungeplante Ausgaben finanzieren kann. Liquidität ist ja nicht nur für Unternehmen, sondern auch im privaten Bereich elementar. Als Faustregel gilt, zwei oder besser drei Nettogehälter sollten auf einem Konto flüssig sein. Denn Geldanlagen ‚auf der hohen Kante‘ sind normalerweise nicht ohne weiteres verfügbar. Entscheidend ist hierbei nicht der Zinssatz. Der Dispokredit mit bis zu 15 Prozent Sollzinsen ist jedenfalls eine eher unwirtschaftliche Überbrückung.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, heißt es. Vorsorge sei keine Frage des Geldbeutels. Was sagen Sie?

Verschieben, verdrängen und aussitzen sind natürlich die Kardinalfehler schlechthin. Gleichzeitig braucht es natürlich eine vernünftige Entscheidungsgrundlage, um Fehler möglichst zu vermeiden. Und es braucht saubere Recherchen zu Produkten und Lösungen am Markt. Wertvolle, neutrale Informationen gibt es bei den Verbraucherzentralen, bei der Stiftung Warentest und auch bei unabhängigen Versicherungsmaklern und –beratern. Zudem gibt es wirklich gut gemachte, informative Erklär-Videos auf YouTube.

Wie finde ich meine ganz persönliche Vorsorgestrategie?

Ich hatte die große Ehre, an der *DIN Norm 77230 Finanzanalyse für Privathaushalte mit zu erarbeiten. Ebenfalls mit im Boot waren neben Anbietern, Berufsverbänden und Organisationen alle zentralen Verbraucherverbände sowie Stiftung Warentest. Immerhin 42 Finanzthemen werden in die richtige Reihenfolge gebracht und zu einem groben Raster gefügt: Diese Analyse ist für mich bis heute eine wirklich saubere Basis, den tatsächlich notwendigen Bedarf an Finanzlösungen zu ermitteln.

Was kommt dann?

Sind alle finanziellen Risiken abgesichert, geht es um die Frage der strukturierten Altersvorsorge. Und auch um die Frage, welche Summe ich dauerhaft schultern kann. In diesem Zusammenhang gilt es, eine umfassende Bilanz der eigenen Finanzen, Einnahmen und Ausgaben sowie Einsparpotenziale aufzuzeigen. Für die Altersvorsorge- Thematik sind wir übrigens auch gerade damit beschäftigt, eine passende DIN-Norm zu entwickeln.

Planvoll, in kleinen Schritten und mit Spaß zum kleinen Vermögen… Welche Anlageform passt am besten?

Wichtig ist natürlich zunächst die Überprüfung der eigenen Kenntnisse und Erfahrungen, also das eigene Risikobewusstsein. Niemand sollte Aktien oder ETF-Fonds kaufen ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Weitere wichtige Punkte sind die eigene Risikobereitschaft und die Risikotragfähigkeit. Die eigene Mentalität herauszufinden, das klingt einfacher als es ist. Unter Risikotragfähigkeit versteht man den Check von Einnahmen und Ausgaben, Vermögen und Verbindlichkeiten und die Prüfung, ob existenzbedrohende Risiken abgesichert sind. Erst wenn ich mich komplett gescoutet habe, komme ich auf die Frage nach den Anforderungen an die geeigneten Produkte. Möchte ich flexibel sein, liquide bleiben? Brauche ich viel Sicherheit oder möchte ich eine möglichst hohe Rendite? Ist Nachhaltigkeit für mich ein Thema?

Wie finden die Menschen den für sie passenden Berater?

Die menschliche Schiene, also Sympathie und ‚Chemie‘ sind natürlich ganz entscheidend. Trotzdem ist es denkbar, dass jemand auch ohne größere Anfangs-Sympathie ein wichtiger Ratgeber sein kann. Gleichzeitig ist es möglich, dass ein freundlicher, guter Verkäufer nicht genug Qualifikation besitzt oder ungünstige Produkte im Angebot hat. Denn die zentrale Frage lautet: Will mir jemand etwas verkaufen – oder will man mich wirklich beraten?

Sie arbeiten in unzähligen Gremien und Ausschüssen (>Die Experten). Zudem sind Sie nicht nur Versicherungsfachmann, sondern langjährig erfahrener Experte in allen Finanzfragen. Wie kam es dazu?

Meine Ausbildung bei einer großen Versicherung war bereits breit angelegt, anschließend habe ich Versicherungswesen studiert. Während meines Studiums habe ich bereits intensiv mit den Verbraucherzentralen und dem Dachverband gearbeitet, dort u.a. im Bereich Verbraucherberatung. ‚An der Front‘ wurde ich früh mit der geballten Ladung an Problemen konfrontiert. Das war eine große Bandbreite an Ausbildung und viel wertvolle Praxiserfahrung. In Kombination mit dem wissenschaftlichen Ansatz, Themen in der Tiefe zu beurteilen, war das für mich ein sehr guter Bildungsweg.

Wie haben Sie selbst angefangen zu sparen?

Mit meiner eigenen Vorsorge habe ich mich schon frühzeitig beschäftigt. Neben Lebensversicherungen, die mein Studienschwerpunkt waren, hatten mich Immobilien schon immer fasziniert. Eine Wohnung in halbwegs passabler Lage lässt sich ohne weiteres über die Mieteinnahmen finanzieren. Bis heute filtere ich mir immer wieder im Internet passende Objekte, die sich potenziell zur Vermietung eignen könnten. Wenngleich diese Form der Geldanlage natürlich mit enorm viel Arbeit verbunden ist.

TIPP! DIN-Norm 77230

Die Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte ist die erste deutsche Norm für Finanzdienstleistung. Sie beschreibt einen objektiven, reproduzierbaren und transparenten Analyseprozess, der eine ganzheitliche Betrachtung der finanziellen Situation von Privathaushalten ermöglicht. Zertifizierte Berater finden Anleger und Interessenten überall in Deutschland. Infos und Adressen gibt es beim Institut für Finanznorm www.defino.de.

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